Canon MP-E Lupenobjektiv in der Aquarienfotografie

Canon bietet mit dem MP-E 65mm 2.8 ein spezielles Objektiv für die Makrofotografie im Übergang zur Mikrofotografie an. Im Unterschied zu üblichen Optiken für Makrofotos, welche einen Abbildungsmaßstab von maximal 1:1 erreichen, fängt das MP-E 65mm erst dort an. Stufenlos einstellbar zwischen den Maßstäben 1:1 bis 5:1 ermöglicht es detaillierte Aufnahmen und Einblicke, die sonst verwehrt bleiben. „Erkauft“ wird diese Eigenschaft mit dem Verzicht auf einen Autofokus bzw. überhaupt auf einen am Objektiv einstellbaren Fokus. Viel mehr wird dieser über den Abstand zum Motiv geregelt. Diese massive Einschränkung macht das MP-E zu einem Spezialobjektiv und damit immer nur zu einer Ergänzung einer Fotoausrüstung. Ein normales Makroobjektiv kann das Lupenobjektiv nicht ersetzen. Ist man sich dessen aber bewusst, stellt das MP-E eine der qualitativ besten Möglichkeiten dar, Abbildungsmaßstäbe von bis zu 5:1 zu erreichen.

Problembereich hohe Abbildungsmaßstäbe

Egal ob man zum MP-E greift, Zwischenringe oder Balgengerät verwendet, oder auf andere Art und Weise versucht in höhere Abbildungsmaßstäbe vorzudringen, die physikalischen Probleme sind dieselben. Licht wird zur absoluten Mangelware und die Schärfentiefe wird auch abgeblendet absurd gering. Während sich ersteres noch einigermaßen mit Blitzlicht ausgleichen lässt, schiebt die Beugungsunschärfe dem Abblenden für mehr Schärfentiefe sehr schnell einen Riegel vor. Diese gesetzten Grenzen kann man etwas biegen, beispielsweise durch digitale Nachbearbeitung, Stichwort Stacking, aber man treibt sich immer in einem Randbereich der Makrofotografie herum, was fast zwangsweise zu einer hohen Ausschussrate führt.

Spezialfall Aquarienfotografie

Als wäre das nicht genug, kommen in der Aquarienfotografie noch die üblichen Kleinigkeiten wie Unschärfe durch Wasser und Glas, Schwebeteilchen und ähnliche Späße dazu. Im laufenden Aquarium hat man überhaupt nur eine Chance, wenn sich das Motiv sehr nahe an der Scheibe befindet. Für alles andere wie zum Beispiel Fischeier oder Insektenlarven bieten sich Gefäße wie Petrischalen und Küvetten an. Der Aufwand lohnt sich aus meiner Sicht aber, weil sich eine ganz neue Kategorie an Motiven erschließt. „Lebendfutter“ sieht man plötzlich mit ganz anderen Augen, so mancher kleiner Aquarienbewohner gibt mehr her als gedacht und auch zu Dokumentationszwecken von Ei- und Jungfischentwicklung eröffnen sich neue Möglichkeiten.

Während man Motive in Petrischalen aus der klassischen Mikroskop-Perspektive ablichtet, ein spezieller Aufbau ist hier ratsam, bietet das MP-E bei Aquarien und Küvetten auch die Möglichkeit, aus „normaler“ Perspektive zu fotografieren. Der erzielte Bildeindruck unterscheidet sich grundlegend von anderen Aufnahmen in diesem Maßstabsbereich. Eine Bildgestaltung im Vorder- und Hintergrund ist möglich, genauso wie ein natürlich wirkender Lichteinfall. Damit verlieren die Aufnahmen den strikten Dokumentationscharakter.

Aufbau und Praxis

Bis zu einem Maßstab von 2:1 ist die Arbeit frei Hand möglich. Spätestens dann wird aber ein  stabiles Stativ mit Makroschlitten für das genaue Setzen der Schärfeebene unerlässlich. Ein entfesselter Blitz sorgt für das Hauptlicht. Ein Diffusor oder eine Softbox schadet nicht, aber selbst ein normaler Blitzkopf ist im Verhältnis zur Motivgröße schon so groß, dass zu harte Schatten meist kein Problem darstellen. Weitere Blitzgeräte können zum frontalen Aufhellen verwendet werden. Auch Durchlicht funktioniert oft sehr gut, vor allem wenn man aus der „Mikroskop-Perspektive“ fotografiert. Um im Sucher oder auf dem Display auch etwas zu erkennen, bietet sich daneben ein Einstelllicht in Form einer kleinen Schreibtischlampe an, die auf das fertige Bildergebnis keinen Einfluss hat. Persönlich lichte ich ausschließlich lebende Tiere ab. Da das auch nach dem Fotoshooting so sein soll, darf man die entstehenden Temperaturen in so kleinen Gefäßen nicht unterschätzen.

Schwebeteilchen, Staub und Algenbeläge auf Scheiben wirken bei hohen Abbildungsmaßstäben noch störender als bei der normalen Aquarienfotografie. Die möglichst staubfreie Lagerung von allen möglichen Teilen ist daher empfehlenswert. Auch Luftbläschen können in frisch gefüllten Küvetten zum Problem werden. Als eher ungewöhnliche Werkzeuge sollte man zumindest Zahnstocher, Pinzette und 5ml-Spitze zur Hand haben, die jeweilige Anwendung ergibt sich von ganz allein. 😉

Zwischenringe im Vergleich und Nachteile

Nahezu identische Bilder und Maßstäbe lassen sich auch mit normalen Makroobjektiven in Kombination mit Zwischenringen kostengünstiger erzielen. Der höhere „Komfort“ und die etwas bessere Bildqualität mögen nicht bei jedem die Anschaffung eines eigenen Objektivs nur für diesen Aufnahmebereich rechtfertigen. Unschön beim MP-E ist außerdem die geringe Anzahl der nicht abgerundeten Blendenlamellen, welche die Qualität der Bereiche, die außerhalb der Schärfeebene liegen, negativ beeinflussen und oft unruhig wirken lassen. Vor allem Spitzlichter im Bokeh leiden darunter.

Fazit

Das MP-E 65mm 2.8 von Canon ist sicherlich kein Objektiv für jedermann. Die Einarbeitungszeit kann lang ausfallen, die Einschränkungen sind teils gravierend und auch die Bildqualität lässt Wüsche offen, vor allem was das Bokeh betrifft. Trotzdem ist es in seinem Bereich alternativlos, auch im Vergleich zu anderen Herstellern. Interessiert man sich für diesen Bereich der Fotografie, dem Grenzbereich zwischen Makro- und Mikrofotografie, ist das MP-E 65mm von Canon auf alle Fälle einen Blick wert.

Von oben: Canon MP-E 65mm, Einstellschlitten, Getriebeneiger, Stativ mit höhenverstellbarer Mittelsäule

Beispiele im Bildarchiv

Caridina mariae “Tiger Black” – Schwarze Tiger-Zwerggarnele im Detail

Neocaridina davidi var. red “Sakura” – Red Fire “Sakura” Zwerggarnele

Corydoras aeneus – Metallpanzerwels-Jungtiere

Culex spec. – Stechmückenpuppe

Culex spec. – Stechmückenlarve im Detail

Corydoras aeneus – Metallpanzerwels-Eier

Chironomidae – Rote Zuckmückenlarve

Anisus vorticulus – Zierliche Tellerschnecke

Clea helena – Eientwicklung der Raubturmdeckelschnecke

Chaoboridae – Büschelmückenlarve

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